Nitrat im Grundwasser
Sonderkulturen wie Spargel erfordern eine besonders intensive Düngung.

Nitrat im Grundwasser

Gülle im Gewässer: Klöckner setzt auf Freiwilligkeit

Ein Kommentar zu einem drängenden Problem

Was ist Nitrat?

Nitrate (NO3) sind wasserlösliche Salze der Salpetersäure HNO3, die als natürlicher Bestandteil des Stickstoffkreislaufs in der Natur auftreten. Da sie einen unersetzlichen Pflanzennährstoff darstellen, werden sie in der Landwirtschaft als Mineraldünger oder Gülle auf die Felder aufgebracht. Von dort kann Nitrat ins Grundwasser sickern oder mit Abflusswasser Oberflächengewässer erreichen, wo es zu unerwünscht starkem Algenwachstum führt. Im Extremfall brauchen die Algen den gesamten im Wasser verfügbaren Sauerstoff auf- das Gewässer kippt um.

Welche Auswirkungen hat Nitrat auf den menschlichen Körper?

Durch Trinkwasser aufgenommenes Nitrat wird im Körper zu Nitrit (NO2) umgewandelt. Dieses reagiert dann mit dem Hämoglobin der roten Blutkörperchen zu Methaemoglobin, welches Sauerstoff bindet und so den Sauerstofftransport blockiert. Vor allem für Säuglinge kann dies gefährlich werden (Blue Baby Syndrome): Die Folgen sind Durchfall, Erbrechen und Atemprobleme; in seltenen Fällen kann der Tod eintreten. 

Nach der EU-Grundwasserrichtlinie 2006/118/EG darf der zulässige Nitrat-Höchstwert im Grundwasser 50 mg/L nicht überschreiten. Der gleiche Schwellenwert wurde von der World Health Organization (WHO) für Trinkwasser festgelegt: 50 mg/L für Nitrat, 3 mg/L für Nitrit (Guidelines for Drinking water Quality, 2017).

Nitrat im deutschen Grundwasser

Der Nitratgrenzwert für Trinkwasser wird bis auf wenige Ausnahmen eingehalten. Beim Grundwasser jedoch sind Überschreitungen nicht ungewöhnlich. Wenig überraschend werden vor allem an Messtellen, die in der Nähe intensiv genutzter Agrarflächen liegen, erhöhte Nitratwerte festgestellt: Insgesamt 28% der Messtellen im Einzugsgebiet landwirtschaftlicher Nutzflächen überschreiten den Schwellenwert. Diese Messstellen sind auch entscheidend für den im Abstand von vier Jahren erscheinenden Nitratbericht, der von den Bundesministerien für Landwirtschaft und Umwelt veröffentlicht wird. Dabei ist zu berücksichtigen, dass der Nitratbericht nicht repräsentativ für den Zustand aller deutschen Grundwässer ist, sondern die Entwicklung landwirtschaftlich verursachter Stickstoffbelastungen dokumentieren soll.

Zwar ist der Stickstoffüberschuss, also der zu viel auf die Felder aufgebrachte Stickstoff, der in der Vegetationsperiode der Pflanzen nicht aufgenommen wurde, seit 1993 um ca. 20% gesunken- doch beträgt er immer noch 97 kg pro Hektar und Jahr. Vom Feld gelangt er mit versickerndem Regenwasser in die Grundwässer. Vor allem in Gegenden mit hohem Viehbesatz und mit Sonderkulturen wie Spargel, die viel gedüngt werden, ist die Nitratbelastung sehr hoch.

EU rügt Deutschland für hohe Nitratwerte

Das ist auch der EU aufgefallen, die Deutschland im März erneut dazu drängte, Maßnahmen gegen die Nitrateinbringung zu ergreifen. 2017 war das Düngerecht in Deutschland bereits verschärft worden, aus Sicht der EU jedoch nicht in ausreichendem Maßstab. Die daraufhin von der Bundesregierung vorgebrachten Vorschläge über eine Verschärfung des Düngerechts wurden bislang abgelehnt, da sie als zu lasch erachtet wurden.

Umweltkommissar Karmenu Vella forderte im März als konkrete Maßnahmen eine Verbesserung der Düngesperrzeiten sowie der Düngung auf stark geneigten Böden. Ende Juli drohte die EU Deutschland zum wiederholten Male mit hohen Zwangsgeldern von bis zu 850.000 € täglich (!), nachdem auch eine erneute Verschärfung des Düngerechts als nicht ausreichend beurteilt wurde. Eine Frist von zwei Monaten ist gesetzt.

Während Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) dabei vor allem der Gewässerschutz ein Anliegen ist und sie die Koalition zum Handeln drängte, sorgte sich Agrarministerin Julia Klöckner mehr um die Landwirte: Der Gewässerschutz sei deren Handlungsmöglichkeiten anzupassen. Nach dem Missmut des Umweltministeriums über die befristete Zulassung eines Glyphosat-haltigen Unkrautgiftes im Februar 2019 durch das Agrarministerium herrscht erneut böses Blut zwischen den beiden Ministerien (spiegel.de).

Indes hofft der Verband kommunaler Unternehmen (VKU), in dem auch Trinkwasserversorger vertreten sind, auf eine die Gewässer entlastende Neuregelung des Düngerechts.

Forderungen der EU im Sinne der Verbraucher

Die EU, Greenpeace, Umweltbundesamt und Trinkwasserversorger warnen vor Umweltschäden und starker Belastung des Trinkwassers, die neue Aufbereitungsmethoden erfordern könnten. Daraus würden Preiserhöhung von bis zu 60% pro Liter resultieren. Der Bauernverband sieht die Situation gelassener, da bereits konstruktive Gespräche zwischen Bund, EU und Ländern stattfänden.

Die entspannte Haltung der Bauern ist nachvollziehbar, denn welcher Landwirt verpflichtet sich schon gerne zu teuren Umweltschutzmaßnahmen, vor allem, wenn er dabei noch von Landwirtschaftsministerin Klöckner Unterstützung erfährt. Ihre Aussage, die Maßnahmen müssten für die Bauern machbar bleiben, zeigt ihre Beschränktheit auf: Wer nur Politik für die Landwirte macht, vernachlässigt notwendigerweise die Interessen von Umwelt, Bevölkerung und den Trinkwasserversorgern. Dass sie die Qualität unserer Grundwasserreserven aufs Spiel setzt, spielt für Klöckner offenbar keine Rolle. Eine wirkliche Überraschung ist dies nicht, hat sie doch bislang bereits die Interessen der Industrie vor die der Verbraucher gestellt. Die von Wissenschaftlern1 empfohlene Lebensmittelampel zum Beispiel lehnt sie ab, da diese „Verwirrung“ bringe (taz-online.de). Wie schön, wenn der Bevölkerung dieses Landes nicht einmal zugetraut wird, die Ampel zu verstehen. Könnte das exemplarisch sein für das Bild, das Klöckner von den Verbrauchern hat? Oder welchen anderen Grund könnte es geben, dass sie den Verbraucherschutz für eine geplante freiwillige Selbstverpflichtung des Einzelhandels und der Unternehmen opfert? (FAZ)

Die EU handelt im Sinne aller (auch der Landwirte, denn selbst diese brauchen Wasser), wenn sie Klöckners allgegenwärtiger „Freiwilligkeit“ diesmal einen Riegel vorschiebt und Maßnahmen fordert.

1Die taz bezieht sich auf eine Studie von Forscherinnen und Forschern aus der Professur Marketing an der Universität Göttingen, die ihre Ergebnisse 2018 in der Fachzeitschrift Nutrition Reviews veröffentlichten.

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