Humanitäre Hilfe durch Unternehmen – sollen setzt können voraus

Humanitäre Hilfe durch Unternehmen – sollen setzt können voraus

Ein Meinungsbeitrag von Julian Weinfortner, Mitglied des Projekts “students4water” (Gruppe Äthiopien) und Studierender an der Goethe-Universität Frankfurt (Fachbereich Wirtschaftswissenschaften).

Video: Der ungekürzte Beitrag der Äthiopien-Gruppe während der Abschlussveranstaltung (Juli 2019)

In Äthiopien haben gerade einmal 33% der Bevölkerung Zugang zu sauberem Trinkwasser. Das Wasser aus Bächen und Flüssen führt durch Bakterien immer wieder zu mitunter tödlichen Krankheiten.

Nun stellen Sie sich vor, Sie könnten diesen Zustand in kürzester Zeit beenden. Sie könnten mit einer einzigen Zahlung und ohne die Zustimmung anderer dieses Unheil beseitigen. Es gäbe reichlich moralische, ethische oder religiöse Gründe warum Sie dann auch helfen sollten. Doch was, wenn Sie dazu auf einmal nicht mehr in der Lage wären? Sollte man es immer noch von Ihnen verlangen können? Vermutlich würden alle Leserinnen und Leser diese Frage verneinen. Zu Recht! Außerdem wie groß ist schon die Wahrscheinlichkeit, dass Sie als Individuum die nötigen Mittel besitzen.

Doch was, wenn es nicht an Ihnen läge? Es gäbe bereits Unternehmen, welches einen Sitz im Land hat, dort Wasser verkauft und laut der öffentlichen Meinung deutlich ethischer und moralischer handeln sollte. Die Rede ist von dem internationalen finanziellen Giganten Nestle. Doch die entscheidende Frage bleibt: hat ein solches Unternehmen überhaupt die nötigen Ressourcen? Oder würde es an dem Ausmaß der Aufgabe scheitern? Wenn Nestle helfen soll, könnte es das überhaupt?

Betrachten wir kurz eine andere Organisation. Plan International Deutschland e.V. ermöglichte nach eigenen Angaben mit einer Summe von 1,2 Millionen Euro 23.740 Menschen Zugang zu sauberem Wasser in Äthiopien. Zusätzlich haben 5.000 Menschen Zugang zu sanitären Anlagen, 500 Menschen haben Schulungen im Bereich Hygiene erhalten und 71% der Haushalte im Projektgebiet haben nun Latrinen. Das alles wurde innerhalb von 4 Jahren geschafft.

Nehmen wir an, dass proportional mit dem doppelten Budget auch das Ergebnis verdoppelt werden kann. Jetzt lässt sich leicht überprüfen welche Möglichkeiten ein Unternehmen wie Nestle hätte.

Nestle gibt an im Jahr 2018 12 Milliarden Euro Gewinn nach Steuern gemacht zu haben. Würde Nestle 3 Jahre in Folge ca. 10% seines Gewinns in die Wasserversorgung in Äthiopien investieren hätten alle Menschen in Äthiopien Zugang zu sauberem Trinkwasser. Am Ende dieses Investments hätte der Konzern immer noch knapp 11 Milliarden Euro Gewinn nach Steuern pro Jahr. Genauso möglich wäre es 6 Jahre lang 5% oder 30 Jahre lang jeweils 1% zu investieren. Würde Nestle nicht noch die zusätzlichen Schulungen, Latrinen und sanitären Einrichtungen bezahlen könnte es vermutlich noch deutlich weniger investieren. Das Ergebnis bleibt gleich. Am Ende hat eine ganze Bevölkerung Zugang zu sauberem Trinkwasser. Die Frage, ob ein Unternehmen, bzw. ein Konzern wie Nestle helfen kann, ist damit ad acta gelegt.

Aktuell plant Nestle seine Präsenz im Land zu reduzieren. Gleichzeitig betont der Konzern, dass er einige Brunnen und ein Brunnenhaus gemeinsam mit dem Roten Kreuz in Äthiopien errichtet hat. Diese Aktivitäten sollten laut Nestle das Menschenrecht auf Wasser in der Umgebung des eigenen Standorts sichern. Dabei wäre es nach der Rechnung in diesem Artikel durchaus möglich das Menschenrecht auf Wasser in ganz Äthiopien zu sichern.

Nestle muss rechtfertigen, warum „nur noch“ 11 Milliarden Euro Gewinn pro Jahr nicht ausreichen. Warum sind 10 % ihres Gewinns für 3 Jahre nicht das Menschenrecht auf Wasser und somit das Überleben von ca. 66 Millionen Menschen wert?

Quellen:

https://www.nestle.de/unternehmen/frag-nestle/antwort/wasser-aethiopien

https://www.nestle.com/sites/default/files/asset-library/documents/library/documents/financial_statements/2018-financial-statements-de.pdf

https://www.plan.de/spenden/hilfsprojekte/projekt-archiv/projekt-wasser-in-aethiopien.html

Wolfgang Eck, Diplom-Kaufmann und Alumnus der Goethe-Universität.

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