Medien: Wie sachlich wird diskutiert?

Medien: Wie sachlich wird diskutiert?

Unter der Leitung von Prof. Dr. Annette Kahre (Fachhochschule des Mittelstands, Bielefeld) hat sich eine Studentengruppe aus dem Fachbereich Medien intensiv mit der Frage beschäftigt, wie sachlich das Thema Wasser in den Medien diskutiert wird.

Prof. Annette Kahre (Fotocredit: FHM, Rouven Herberhold)

Professur für Unternehmenskommunikation & Journalismus , Fachhochschule des Mittelstands Bielefeld

Wie sind wir an das Thema herangegangen?

Wir haben uns mit der Teilaufgabe beschäftigt: Wie führen wir die Diskussion in den Medien (print und online), damit der sachliche und verantwortungsvolle Umgang mit dem Thema Wasser Realität wird? Was wird wo in der Öffentlichkeit diskutiert? Wer diskutiert? Wie wird diskutiert? Dabei hat uns besonders interessiert, welche Schwerpunktthemen in den jeweiligen Regionen bei uns in Deutschland in den Medien (Internet, TV, Radio, Zeitung und Fachzeitschriften) thematisiert und diskutiert werden. Auf welche Quellen wird in den Diskussionen zurückgegriffen? Wo sind Quellen für Fehlinformation (Fake News). In sieben Schritten haben wir versucht, dieses Thema aufzuarbeiten.

1. Basisrecherche: Worum geht’s?

Zunächst haben wir uns in drei Arbeitsgruppen auf die drei Fallbeispiele Vittel, Äthiopien und Pakistan konzentriert und die Frage gestellt: Was sind die politischen, wirtschaftlichen und geologischen Rahmenbedingungen? Hier waren insbesondere die Informationen der Experten der Geowissenschaften und Informationen, die Nestlé uns zur Verfügung gestellt hat. hilfreich.

2. Wie werden Medien genutzt? Was spielt bei der Meinungsbildung eine Rolle?

Alle drei Fallbeispiele sind in den klassischen und sozialen Medien in Deutschland ein wichtiges Thema. Wir haben uns zunächst einmal mit dem Mediennutzungsverhalten auseinandergesetzt. Wer nutzt welche Medien? Wann und zu welchen Themen werden Nutzer sozialer Medien mit Kommentaren aktiv?

Klassische Medien und Informationsbeschaffung:

Bei der Informationsbeschaffung spielen das private Umfeld, TV und Internet eine große Rolle. Das Vertrauen in deutsche Medien ist hoch (75% positiv). Klassische Medien haben bei der Meinungsbildung nach wie vor eine hohe Relevanz. Der Spiegel und Bild dominieren bei der Verbreitung von Informationen. TerraX (ZDF), Erlebnis Erde (ARD). Brennpunkt (ARD), sind bevorzugte Quellen bei Informationssendungen. In der Berichterstattung und beim Leserinteresse haben die folgenden Umweltthemen eine hohe Relevanz: Wasserverschmutzung, Erschöpfung Ressourcen, Trinkwasserqualität, Überflutungen, Bodenerosion.

Internet und soziale Medien

Das Internet spielt bei der eigenen Meinungsbildung eine große Rolle. Zu den wichtigen Themen, zu denen sich Menschen im Internet aktiv äußern gehören auch Lebensmittel/ Getränke und gesellschaftliche/ politische Themen. Soziale Netzwerke haben in allen Altersgruppen eine hohe Relevanz. Allerdings ist das Vertrauen in soziale Medien eher schwach. ¾ der Bevölkerung befürchtet Manipulation durch Fake News. Die Selbsteinschätzung beim Erkennen von Fake News liegt bei 60%. Die Überprüfung von Fake News im Internet erfolgt über Prüfung des Sachverhalts, Meinungen von Freunden, den Absender oder die Quelle.

3. Unsere Stichprobenanalysen zu den Fallbeispielen

Dann ging es ans Prüfen der Quellen. Wir haben uns punktuell klassische Medien und Diskussionen auf Facebook und YouTube angeschaut und die Kernaussagen für jedes der Fallbeispiele in einer Matrix zusammengefasst.

Interessant war es herauszufinden, welche Quellen in den Beiträgen und Diskussionen verwendet wurden, wer zu Wort kam und wie der Tenor in den Beiträgen war.

Exemplarisch zeigen wir hier einmal unsere Recherchebasis zu Vittel:

4. Bewertung der Stichproben

Aus der umfangreichen Datenbasis haben wir in einem nächsten Schritt unsere Fazits hergeleitet:

Wir haben beobachtet, dass die Texte teilweise subjektiv bzw. wertend geschrieben sind. Die Meinung im Internet basiert vielfach auf diesen emotional geschriebenen Texten, sodass eher ein Schuldiger gesucht werden soll als das Problem auf Expertenebene lösen zu wollen.      

Daran schließt sich natürlich die Frage an, warum es zwischen der öffentlichen / medialen Diskussion und Expertenmeinungen Unterschiede gibt. Wir haben festgestellt, dass die Aufmerksamkeit in den klassischen Medien zu unseren Fallbeispielen groß ist. Auflagen-/reichweitenstarke Medien besetzten das Thema aktiv. Thematisiert wird meistens die lokale Situation im Zusammenhang mit einem Unternehmen. Experten werden punktuell befragt (in den klassischen Medien). Aber es findet kein wirklicher Austausch auf der Sachebene statt.

Im Internet ist eine Betroffenheitsdiskussion zu beobachten, die selten begründet ist. Es wird schnell und viel geliked und geteilt, Äußerungen sind zum Teil emotional geprägt, zum Teil aber objektiv mit negativen Anteilen. Zu wenig verlässliche Quellen werden verwendet.

Wir haben auch versucht herauszufinden, wie die Wechselwirkung zwischen klassischen Medien und dem Internet ist. Da finden wir keine klaren Abhängigkeiten: teilweise werden klassische Medien als Quelle für Diskussionen in sozialen Netzen genutzt und umgekehrt.

Grundsätzlich haben wir den Eindruck gewonnen, dass der Expertendiskurs wenig Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung (insbesondere in sozialen Medien) hat. Er findet, wenn überhaupt, in den klassischen Medien statt.

5. Zusammenführung der Ergebnisse auf dem BarCamp

Unsere Ergebnisse haben wir mit den Ergebnissen anderen Studiengruppen (Wirtschaftsethik und Hydrologie) auf einem eintägigen BarCamp zusammengetragen und diskutiert.

6. Unsere Hypothesen

Was die öffentliche Diskussion angeht, stellen wir fest, dass es parallele Diskussionen in unterschiedlichen Diskussionskreisen gibt. Diese hemmt eine nachhaltige, einheitliche Lösungsfindung. Es gibt wenig Austausch und wenig Effizienz. In den sozialen aber zum Teil auch in den klassischen Medien beobachten wir eine Betroffenheitsdiskussion. Expertenwissen wird nur punktuell abgerufen und nicht effektiv eingesetzt.

Wir gehen davon aus, dass ein gemeinsamer öffentlicher Diskurs zu einer sachlichen Problemlösung beitragen könnte. Die Dringlichkeit der Ressourcenschonung und die Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit werden so in Einklang gebracht.

Expertenwissen und Betroffenheit finden in einem offenen Austausch statt.

7. Unsere Empfehlung

Aktuell ist es so, dass der Einfluss von Experten auf die öffentliche Meinungsbildung nicht klar durchdringt. Medien und Bevölkerung besetzen die Themen und nutzen ihren Einfluss, um etablierte Autoritäten abzulehnen. Sie strafen Institutionen und Unternehmen auf Basis z.T. unvollständiger oder einseitiger Informationen ab. Der Diskurs ist z.T. stark emotionalisiert (Betroffenheitsdiskussion), Expertenwissen wird spielt oft keine relevante Rolle.

Die Zukunft sollte ein gemeinsames Vorgehen und eine gemeinsame Kommunikation aller Beteiligten sein. Institutionelle Schranken bei Kommunikation und Lösungsfindung sollten abgebaut werden. Durch gleichzeitige Kommunikation aller Sichtweisen auf möglichst vielen Kanälen könnte die Diskussion versachlicht werden. Das beinhaltet auch eine gemeinsame Lösungsfindung für faktische Probleme in den Regionen (z.B. Investieren in Wasserfonds, neue Technologien, öffentlich geförderte Programme, Einbindung des Nestlé-Engagements…) in den jeweiligen Regionen.

Große Chancen bietet das hohe Vertrauen in klassische Medien, die Furcht vor Manipulation durch Fake News – insbesondere in sozialen Netzen – und das große Interesse an Umweltthemen.

Erste Ideen

Eine gemeinsame Dialogplattform könnte einerseits Fakten fokussieren, andererseits aber auch Betroffenheit berücksichtigen. Dadurch sollte idealerweise einseitig bzw. emotional gesteuerte Meinungsbildung reduziert oder ganz vermieden und Fake News demaskiert werden (positives Beispiel: Faktencheck CORRECTIV).

Über ein gemeinsames Themensetting insbesondere in klassischen Medien werden relevante aber auch breite Zielgruppen erreicht.

Eine weitere Idee ist, das Involvement der Bevölkerung einzufordern und zu aktiver Zusammenarbeit aufzurufen (ggfs. Nutzung aktueller Strömungen wie „Fridays for Future“).

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